
Dass auf dem OSU-Campus direkt nebeneinander Schafe weiden und Atomphysik betrieben wird, habe ich ja früher schonmal erwähnt, und auch über die Schafe meine ich das eine oder andere Wort verloren zu haben.
Deswegen kommt heute mal das andere Ende der Fahnenstange dran: Ich wär nämlich dank der Vermittlung eines Nuclear Science-Studenten heute Augenzeuge eines sogenannten "Reactor Pulse Event".
Ich möchte das Spektakel hier kurz beschreiben - weil ich aber von Kernphysik oder Reaktortechnik selber kaum Ahnung habe, gibt es keine wüste Fachsimpelei zu befürchten!
Vermutlich wird mich jeder Physiker prügeln, für das, was ich hier von mir gebe, aber ich versuche mal, das Prinzip des OSU-Kernreaktors ganz populärwissenschaftlich zu erklären:
Der Forschungsreaktor, der hier Angst und Schrecken verbreitet (weniger unter den Studenten als unter deren besorgter Anverwandtschaft), dient nicht zur Stromerzeugung, sondern vor allem der Bestrahlung von Proben (Argonmethode zur Altersbestimmung von Mondgestein), der Erzeugung radioaktiver Isotope für die Nuklearmedizin, sowie der Gewinnung von Neutronenstrahlung für diverse wissenschaftliche Anwendungen.
Das "Gerät" ist relativ simpel aufgebaut: Es besteht aus einem runden Wasserbecken, etwa 2 Meter im Durchmesser und 5 Meter tief. Am Grunde dieses Tümpels befinden sich die Brennstäbe (U-235), das Wasser dient zur Kühlung und als wirksame und obendrein transparente Abschirmung.
Die Kernreaktion an sich wird dadurch in Gang gehalten, dass bestimmte Teilchen, nämlich Neutronen, durch die Gegend flitzen, und, wenn sie dabei auf ein Uranatom scheppern, erstens Wärme freisetzen und zweitens ein zusätzliches Neutron aus dem Uran herauslösen - somit hat man nun schon zwei Neutronen, wenig später dann 4, 8, 16, (und ebensoviel Wärme!). Im Nu ist man bei einer unkontrollierten Kettenreaktion angelangt - dieses Prinzip ist besser bekannt als "Atombombe".
Letztere möchte man aus nachvollziehbaren Gründen aber ungern auf dem Campus haben. Aus dem Grund schiebt man zwischen die Brennstäbe sogenannte Steuerstäbe: Die bestehen aus einem speziellen Material und verschlucken die zusätzlich erzeugten Neutronen teilweise, und je weiter man die Steuer- zwischen die Brennstäbe schiebt, desto schwächer wird die Kernreaktion.
(Letzteres ist - unter Anderem - in Tschernobyl schiefgegangen.)
Sind bei unserem Forschungsreaktor die Stäbe ganz eingefangen, dümpelt er mit einer Leistung von nur 15 W vor sich hin - etwa halb so viel wie ein Teelicht.
Beim sogenannten "Reactor Pulse" geschieht nun Folgendes: Man zieht einen Steuerstab ganz kurz aus dem Reaktorkern hinaus, und lässt ihn (um einer Kernexplosion aus dem Weg zu gehen) gleich wieder hineinscheppern - eine Hundertselsekunde lang entwickelt das Teelicht nun soviel Wärme wie ein Großkraftwerk!
Im Reaktor sieht man plötzlich ein Aufblitzen, und danach ist das Becken von einem langsam abklingenden, sehr geheimnisvollen, bläulichen Leuchten erfüllt (siehe Bild).
Dabei handelt es sich um so eine Art "Überlichtknall", erzeugt von Spaltprodukten, die schneller durchs Wasser sausen als das Licht. Wilde Physik.
Die optische Show war auf jeden Fall interessant - und zur Beruhigung für besorgte Angehörige: Das Dosimeter, was beim Experiment mit dabei war, zeigte keine messbare Kontamination an.
Trotzdem: Im Chemielabor fühle ich mich sicherer :).

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