Dienstag, 27. November 2007

Schlaflos in Seattle (und anderswo)


Vergangenen Donnerstag war Thanksgiving. An Thanksgiving machen die Amerikaner Folgendes: Sie nehmen sich für den Rest der Woche frei (neben Weihnachten das einzige Datum, an dem die Supermarktkette Safeway geschlossen hat), fahren zu ihrer Famile, essen Unmengen an Pumpkin Pie und Truthahn, betrinken sich später, essen noch mehr, und fahren irgendwann wieder heim.

Soweit die klischeebehaftete Theorie. Wer jetzt erwartet, einen unverfälschten Einblick in das wahre amerikanische Thanksgiving zu erhalten, den muss ich leider enttäuschen. Ich war an Thanksgiving nämlich außer Landes, und zwar in KANADA.

Am Mittwoch abend, so etwa um zehn, klingelte meine Telefon: "He Felix, hast du zufällig einen Wagenheber?"
Pornovanbesitzer Phillip hatte einen schlappen Reifen an seinem Gefährt entdeckt, und da alle Autowerkstätten in Vorbereitung auf Thanksgiving schon ihre Pforten geschlossen hatten, mussten wir uns selber helfen.
Immerhin haben wir gelernt, dass es keine gute Idee ist, am Hang und mit nur mäßig wirksamer Handbremse einen kleinen Toyota-Wagenheber mit dem Gewicht eines amerikanischen Fullsize-Vans zu belasten, jetzt müssen wir nämlich einen neuen kaufen (also, einen neuen Wagenheber).
Die drei anwesenden Ingenieure kriegten das Gefährt aber trotzdem flott, und so konnten wir am nächsten Morgen gen Norden nach Kanada aufbrechen!
Die Fahrt verlief aus mehreren Gründen unglaublich angenehm, mit einem kleinen Dämpfer: An Thanksgiving hat ALLES zu, also auch so gut wie alle amerikanischen Autobahn-Fress-Hütten, sodass wir nach zahllosen Fehlversuchen an allen Food Exits entlang des I-5, schließlich in einem Etablissement namens Debby's landeten. Da bekommt man das Essen (stinknormales, amerikaübliches Presshuhn zwischen Pappfladen) an den Tisch gebracht, allerdings zahlt man ungefähr das doppelte wie bei der (leider geschlossenen) Konkurrenz.
Dafür haben wir eine wichtige Lektion gelernt: Im Staat Washington ist es illegal, aus gebrauchten Gläsern zu trinken, selbstredend auch dann, wenn es sich um den eigenen Becher handelt. "It's against the law...", mit diesen Worten leitete Kellnerin Shan (oder so) eine Schmährede ein, als der arme Thomas sein Glas am Zapfhahn wieder auffüllen wollte ("Free Refill" ist eigentlich in allen amerikanischen Lokalen gang und gebe).

Nach den überraschend unstressigen Grenzformalitäten fielen wir wenig später nach Kanada ein!
Von Vancouver bekamen wir am ersten Abend aufgrund unserer späten Abfahrt und infolgedessen noch späteren Ankunft nicht mehr viel zu sehen. Unser Hostel war ziemlich schäbig, und lag in einem eher nicht so vornehmen Teil von Chinatown. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich ein sogenannter "Dollar Meat Store", ein unglaublich verdrecktes Loch, in dem Schweinebeine ohne Kühlung von der Decke baumelten und dreckige Lappen und Ekelschlonz den Boden bedeckten, vom Geruch ganz zu schweigen. Trotzdem hat dieses Etablissement seine Kunden, wie wir am nächsten Morgen feststellen durften. Ich habe mich in Vancouver mit Freuden vegan ernährt.
In Kanada gibt es selbst Bier nur im Liquor Store, zum Schnäppchenpreis von 12$ aufwärts pro Sixpack. So wichen wir auf Wodka aus ("In Kanda muss man den guten Wodka trinken, den billigen gibt es nämlich nicht", P.), damit ließ sich der Abend dann so einigermaßen überstehen...
Nachdem das erste Feier-Etablissement einen Eintrittspreis von saftigen 70 Dollar verlangte, lehnten wir dankend ab und gingen über die Straße - die 10 Dollar Eintritt im Schuppen gegenüber erschienen uns schließlich wie ein Schnäppchen! Nach einer Stunde Wartens in der Kälte stellte sich dann allerdings heraus, dass dazu pro Person nochmal 60 Dollar Bestechungsgeld für den Bouncer kamen - und adé.
Schließlich kamen wir im "Roxy" unter, einem Rock-Laden, der seinem Ulmer Pendant nichtmal unähnlich ist, sogar mit Lifeband und einigermaßen bezahlbarem Bier.

Am nächsten Tag ging es in die Stadt! Vancouver liegt unglaublich idyllisch, auf der einen Seite ein tiefblauer Meerarm, auf dem der Schwerverkehr abgewickelt wird und gleichzeitig die Wasserflugzeuge der besser gestellten Schichten (die, die nicht die Kippen von der Straße rauchen) starten und landen, auf der anderen Seite "Grouse Mountain", der Hausberg Vancouvers.
Auf einer Baustelle direkt am Wasser trafen wir zwei deutsche Gast-Bauarbeiter, und unterhielten uns ein wenig mit ihnen: "Wie lang seid ihr schon hier?" "Zwei Monate!" "Und wie lange wollt ihr bleiben?" "Für immer!"
Ganz so enthusiastisch waren wir zwar nicht, aber der Blick vom Grouse Mountain auf das Stadtpanorama war unglaublich schön!
Am nächsten Tag ging es, nach stundenlangem Warten bei der Wiedereinreise, dann weiter nach Seattle!
Und die Heimatstadt von Kurt Cobain und Jimi Hendrix, Microsoft, Amazon.com, Starbucks und Boeing schlägt bislang alle (okay, das sind zugegebenermaßen bislang nicht so viele) amerikanischen Städte, die ich bislang kenne.
Wir hatten mal wieder unverschämtes Wetterglück, und weil unser (unglaublich nettes) Hostel direkt am Markt lag, wo es fangfrischen Fisch gab - nix da mit Tiefkühlpressling!-, war auch endlich wieder für einigermaßen ausgewogene Ernährung gesorgt. Mit vollem Bauch die steilen Avenues Seattles entlangzustapfen, macht unglaublichen Spaß! Die Sonne scheint, und die Luft ist trotz Großstadt unglaublich frisch: Es gibt wenig Autos, der meiste Verkehr wird mit lustigen Elektrobussen, die sogar nachts fahren, bewerkstelligt, und die ganze Zeit weht eine stetige Brise vom Meer.

Leider hatte der Columbia Tower, das höchste Gebäude an der Westküste der USA, wochenends geschlossen. So setzten wir uns in die Monorail, die seit der Weltausstellung 1962 ihren klapprigen Dienst versieht, und fuhren zum Experience Music Project. In einem futuristisch anmutenden Gebäude untergebracht, bietet diese Ausstellung dem Besucher nicht nur eine riesige Sammlung an Musikinstrumenten, von der antiken Lyra über die Trichtergitarre bis hin zum aus einem Aluminiumklumpen gefrästen Zwölfsaiter-Bass. Man kann nämlich auch auf zahllosen Gitarren, Keyboards und Drumsets herumspielen, soviel das Herz begehrt!
Jetzt ist es schon voll spät, und ich mag noch kurz vom Flugzeugmuseum erzählen. Auf dem Originalgelände von Boeing, gruppiert um die erste Holzscheune der Flugzeugschmiede, steht die riesigste Sammlung an Fluggerät, die ich bislang gesehen habe - vom ersten Segelflieger aus Bambus und Leinen bis hin zum mit 4000 km/h schnellsten Flugzeug der Welt. Toll: Es stehen einige alte Kleinflugzeuge herum, in die man sich reinsetzen kann und dann an allen Geräten, Hebeln und Klappen herumfuhrwerken. Die Ausstellung hat mir großen Spaß gemacht, und ich kann sie nur weiterempfehlen!
Doch auch der schönste Tag ist irgendwann zuende, und da am Montag wieder Uni anstand, ging's des Nächtens zurück nach Oregon.
Und ein bisschen Thanksgiving hatte ich auch: die gute Abby hatte mir vorrauschauend ein bisschen Pumpkin Pie aufgehoben. :)

Dienstag, 13. November 2007

NBA - White men can't jump


Mein Austausch-Kollege hat sich ein Auto gekauft. Eigentlich wäre das endlich ein Anlass, um einmal zum Rundumschlag gegen die amerikanische Mobilität auszuholen. Leider ist mir damit schon jemand zuvorgekommen, und deswegen empfehle ich an dieser Stelle wärmstens folgenden Blog-Artikel, der mir zutiefst aus der Seele spricht:
http://johannes.ist-dein-freund.de/2007/09/18/autos/
Auf jeden Fall ist Phillip nun stolzer Besitzer des sogenannten Porno-Van. Wie kommt es zu diesem Namen? Das uralte Gefährt ist riesengroß, etwa so wie ein VW-Bus, innen mit riesig breiten Einzelsitzen ausgestattet, die üppig mit pinkem Plüsch überzogen sind. Dazu kommt die aus vielen kleinen, in diversen Zierleisten verborgenen Lämpchen bestehende Innenbeleuchtung. Die angespaxten Windleit-Profile fallen zwar ab, der Kühler leckt und der Sechsliter-Motor genehmigt sich 20l/100km, aber dafür ist man sehr gehoben unterwegs!
Um das Gefährt standesgemäß einzuweihen, haben wir uns am Wochenende auf eine Fahrt nach Portland gemacht. Im Rose-Gardens-Basketballstadion traten die Portland Trail Blazers gegen die Dallas Mavericks an - mit auf dem Feld: Dirk DÖRK Nowitzki, meines Wissens nach zur Zeit der einzige Deutsche in der NBA (und nebenbei der einzige Weiße seines Teams).
Nach Ankunft in Portland, einnehmen unseres 13-Dollar-Parkplatzes und einer kurzen, aber intensiven Fresstour per Straßenbahn drängelten wir uns in die Halle:
Amphitheaterartig türmen sich die Sitze an den Seiten, und ganz weit unten hampeln ein paar kleine Männchen über ein überraschend leer aussehendes Feld. Dass allesamt Riesen im Vergleich zum Durchschnittsamerikaner sind, war aber selbst von den entferntesten Plätzen zu bemerken.
Ein NBA-Spiel dauert 4*12=48 Minuten. Vom Anpfiff bis zum Endergebnis vergehen aber allermindestens zwei Stunden. Der Grund: Die zahlreichen Timeouts! Sobald ein Trainer den Wunsch danach äußert, läuft das umfangreiche Rahmenprogramm an: zusätzlich zur dauerhaft flimmernden Bandenwerbung (Rundum-Bildschirm, natürlich) wird auf dem Haupt-Videowürfel allerhand Unsinn eingeblendet: Opa Charles gratuliert Enkel Timothy zum achten Geburtstag, Colonel Jeff Walters meldet sich aus dem Irak und erklärt, wie gerne er jetzt dabei wäre, und natürlich Werbung, Werbung, Werbung. US-Profisport ist, glaube ich, die größte Kommerzveranstaltung weltweit. Jeder freie Quadratmeter ist mit Firmenlogos, oder schlimmer, dauernd wechselnden Bildschirmen zugepflastert, die um die Gunst des Kunden buhlen, während ein kleines Luftschiff in Auto-Form durch die Halle schwebt und Probefahrtgutscheine über den teuren Plätzen abwirft.
Gleichzeitig entert ein US-Army-Team das Basketballfeld und versucht, mit ziemlich albern anmutenden Hampeleien den unbedarften Zuschauer zu beeindrucken und so letzten Endes zu den Waffen zu pressen. Gekrönt und umrahmt wird der ganze Zirkus von der immerwährend dudelnden Stadionorgel und zahlreichen Cheerleadern, die ebenfalls während Spielpausen und Timeouts die Hüften schwingen.
Trotz der zahlreichen deutschen Unterstützung im Publikum hat sich Dörk nicht gerade mit Ruhm bekleckert und verlor ziemlich deutlich gegen die schlechteste Mannschaft der letzten Saison.
Irgendwann waren aber die 48 Spielminuten um, alle Werbung abgeflimmert und die letzte Ladung Plastiklametta verschossen. Unter der lakonischen Meldung des Videowürfels ("Blaizers Win") verlässt man das Stadion.
Draußen gab es erstmal ein Wiedersehen mit der restlichen Austauschgruppe, denn zum Dörk-Gucken hatte sich das ganze BW-Programm in Portland zusammengefunden.
Der restliche Abend endete in einem etwas seltsamen Club: Während auf dem oberen, durch weiße Schleier abgetrennten VIP-Level ein Sektkühler nach dem anderen verschwand, konnte man unten vom Klo aus die Tanzfläche beobachten: ein venezianischer Spiegel auf Augenhöhe machts möglich.
Heute ist Dienstag, und die Uni hat mich wieder. Trotz absolvierter Midterms gibt es nach wie vor genug zu tun, aber die Arbeit macht viel Spaß (Nächte ergebnisloser Fehlersuche im Excel-Sheet ausgenommen)!
Was den Pornovan anlangt: der hat seinen nächsten Einsatz an Thanksgiving und soll auf einem Roadtrip nach Vancouver seinen Anteil zum Klimawandel leisten.



Viele Bilder und die ein oder andere Anekdote gibt es natürlich auf meiner Fotoseite (siehe Links)!