Dienstag, 8. Januar 2008

Crazy Ass Dude City


In den USA entfielen im letzten Jahr 0,1% der gefahrenen Personenkilometer auf den Zug. Das ist kein Wunder, denn das amerikanische Bahnnetz ist äußerst dünn, die Gleise sind durchweg einspurig und in einem schauderhaften Zustand, und Verspätungen sind aus verschiedenen Gründen mehr die Regel als die Ausnahme.
Auf der Suche nach einer Silvester-Beschäftigung blieben mein in Oregon wiedergefundener Sandkastenfreund Johannes und ich dann doch bei Amtrak hängen: Die Reise sollte nach San Francisco gehen, und zufällig fährt auch ein Nachtzug vom Nachbarort Albany direkt in die schillernde Westküstenmetropole, und zwar über eine vielbesungene, angeblich bildhaft schöne Strecke abseits aller Straßen und Industrie. Dazu noch konkurrenzlos billig zur Hauptreisezeit, und das nach dem Spanientrip schon angeschlagene ökologische Gewissen tat den Rest.
In der Tat war die Reise durchaus angenehm: Die amerikanischen Züge sind unglaublich bequem und geräumig, und von den üppigen Sitzabständen, Kopfkissen und Beinstützen kann der geplagte DB-Kunde nur träumen!
Auch wenn man die meiste Zeit eher im Zockeltempo unterwegs ist oder steht, ist das Reisen somit sehr angenehm. Dazu fährt der Zug wirklich durch eine traumhaft schöne Landschaft, vom dauerverregneten Corvallis durch den Tiefschnee in den Bergen Süd-Oregons an die Küste! Nach 16 Stunden Reise und mit 3 Stunden Verspätung standen wir dann schließlich bei strahlendem Sonnenschein mitten in SAN FRANCISCO!
Als allererste Unternehmung war der feierliche Marsch über die Golden Gate Bridge geplant: Das leider totgedruckte Postkartenmotiv ist in der Realität durchaus beeindruckend. Die wirkliche Größe dieses Monstrums wurde mir aber erst bewusst, als nach Hin- und Rückmarsch die Hände erfroren waren und die Knie wehtaten. Das Ding ist RIESIG! Und im pfeifenden Wind zig Meter über dem Wasser dahinzuwandeln, ist schon ein besonderes Gefühl!
Trotzdem war aber der 31. Dezember, und am Abend konnten wir dann im größten Gedränge aller Zeiten ein tolles Feuerwerk am Hafen genießen, das dem Seenachtsfest-Feuerwerk in Konstanz um nichts nachstand!
San Francisco ist eine ziemlich vielschichtige Stadt: Neben dem protzigsten Einkaufszentrum aller Zeiten, das mit Kurvenrolltreppen (ein völlig unnützer, dafür aber enormer technischer Aufwand) und überabzählbar unendlich viel Glitzer zu prahlen versucht, hängen zahllose Obdachlose, meistens betrunken, an den Laternenpfählen ("loitering"); und das Armuts- und Kriminalitätsproblem wird bislang meinem Eindruck nach vor allem symptomatisch bekämpft: Parkplätze werden bewacht, Einkaufswagen, in denen Pennbrüder ihre Habe durch die Gegend fahren, werden von eigens dafür angeschafften Polizei-Pickups wieder eingesammelt, und private Sicherheitsfirmen machen das große Geschäft mit dem Vertreiben loiternder Obdachloser.
Trotzdem hat sich so eine Art behördenunabhängiges, inoffizielles Sozialsystem in der Stadt entwickelt: Für den Bus etwa zahlt eben jeder soviel wie er kann: Touristen zahlen den vollen (durchaus fairen) Preis, berufliche Pfandflaschensammler bekommen den Fahrschein dafür umsonst ausgehändigt. Das gleiche Prinzip gilt auch für Pizzabuden und Frühstücks-Cafés, zumindest in den entsprechenden Gegenden.
Apropos Pizzabude: In San Francisco gibt es richtiges Brot! Da macht man dann ein Loch rein und füllt es mit Clam Chowder (Muschelsuppe) - großartig! Zahllose Kneipen, Pubs und Live-Band-Auftritte haben uns so manchen Abend ausgesprochen versüßt - auch wenn der Rückweg über die wirklich unglaublich steilen Hügel der Stadt dann noch ein hartes Stück Arbeit verhieß.
Bei diesen Märschen stießen wir immer wieder auf amerikanische Eigentümlichkeiten: Einen lebensgroßen Nachbau von Notre Dame in Paris etwa, der aber im 20. Jahrhundert das Licht der Welt erblickte, und, dem Zeitgeist entprechend, komplett aus Beton gegossen wurde, oder St. Peter and Paul, eine Kirche, die nur aus einer romanische Fassade vor einer hässlichen Stahlbetonhalle besteht, und im Golden Gate Park schließlich erwartet den geneigten Besucher ein betönernes, aber riesiges Römermonument.
An den letzten beiden Tagen wütete dann der große Sturm - die Alcatraz-Besichtigung musste verschoben werden, und als die ersten morschen Strommasten einfach umfielen, blieben die Lampen dunkel und die ansonsten zuverlässigen Trolleybusse einfach stehen.
Wegen des scheußlichen Wetters gingen wir dann ins Cable-Car-Powerhouse, die Zentralstation, wo man den Antriebsmechanismus für die altertümlichen Vehikel begutachten kann. Da trafen wir Mitaustauschler Jörg - der war mit Freundin auf eine vierwöchige USA-Tournee aufgebrochen, und befand sich zufällig an diesem Tag zu dieser Stunde in der gleichen Stadt ebenfalls im Cable Car Powerhouse.
Viele Grüße aus dem irgendwie doch kleinen Land weit im Westen!

AKTUALISIERUNG: Mit meinem weisen Kommentar versehene Fotos ab sofort auf der Fotoseite :).

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

fotos angeguckt... NEID!!! gehen wir da auch hin???