Montag, 15. Oktober 2007

Oh là là, willst du eine Pizza...

Nach 6 Wochen in Oregon und 4 Wochen in Corvallis, wird es vermutlich Zeit, der geneigten Leserschaft einen kleinen Eindruck vom alltäglichen Leben in den USA zu bereiten. Gleich vorweg: Auf meiner Fotoseite habe ich insbesondere von der Uni ein paar Bilder installiert.

Meine Wohnungswahl hat sich mittlerweile als genau richtig herausgestellt. Abby, die ältere Dame im Erdgeschoss und Leiterin der örtlichen Buddhistengemeinde, hat sich als viel relaxter und unstressiger herausgestellt, als ich je zu hoffen gewagt habe. Amber, meine zweite Mitbewohnerin, ist mittlerweile auch eingetroffen, sie studiert Agricultural Science und ist äußerst alternativ. Wir haben jetzt nur noch biologisch abbaubares Putzmittel und in der Küche einen "worm bin". Das ist eine Box, in der angebliche Würmer den Biomüll zu Kompost verarbeiten sollen. Noch funktioniert es aber nicht so recht, die Würmer sind irgendwie tot und alles schimmelt.
In der Uni gefällt es mir ausnehmend gut, die Kurse sind interessant, und bis auf einen Dozenten aus Oklahoma, der obendrein nuschelt, verstehe ich auch die meisten Profs. Mein Graduate-Research-Projekt macht mir viel Spaß, es geht dabei um die Entwicklung eines neuartigen Halbleiters für die Solarzellenproduktion.
Gestern habe ich eine wichtige Amtshandlung begangen: Die erste Pizza im neuen Heim wurde zubereitet. Die Konstanz-Crew weiß, dass das Pizzabacken im großen Kreis in einer kleinen Küche eine gewisse rituelle Bedeutung angenommen hat, und entsprechend ausgeprägt war mein Ehrgeiz, dem Rezept zum Erfolg zu verhelfen. Dabei gab es allerdings einige landestypische Klippen zu umschiffen. Hier eine kleine Auswahl:

- Mit Euronorm-Mehl Typ 405 gelingt eigentlich alles. Gibt's hier nicht. Um den Burgerbun immer von der garantiert gleichen Labberkonsistenz zu haben, wird amerikanisches Mehl grundsätzlich mit Chlor oder Stickoxiden gebleicht, also weiß gemacht, sterilisiert und sämtlicher Vitamine und Geschmacksstoffe beraubt, bevor es anschließend mit synthetischen Zusätzen wieder essbar gemacht werden soll. Dieses "Enriched Bleached Flour" stellt neben Fett und Zucker die Grundzutat der meisten industriell hergestellten US-Produkte dar. Wer normales Backmehl will, muss auf Spezialgeschäfte ausweichen. Da aus juristischen Gründen (Allergikerklage => Firmenpleite) aber selbst dieses Mehl grundsätzlich glutenfrei ist, muss mühevoll extra gekauftes Gluten zugemischt werden, um das Mehl backfähig zu bekommen. Nachdem mich Abby in diese raffinierte Prozedur eingeweiht hatte, stand ich vor dem nächsten Problem:

- Hefe: Ist hier unüblich, in der Regel wird Backpulver verwendet. Auf Nachfrage gibt es im letzten Eck, im letzten Regal gepulverte Instanthefe. Dass man sie NICHT so wie frische Hefe verwenden kann, weiß ich jetzt...

- "Tomatenschlonz": Freude: Gibt es hier auch! Es ist zwar etwas mehr Wasser drin als gewohnt, aber dafür lacht einem nach Öffnen der Dose wenigstens ein gesundes Signalrot entgegen.

- Salami: not available

- Ofen: Hat man die genannten Klippen umschifft, kommt sozusagen der Endgegner: THE OVEN. Ein gigantisches Monstrum, in dem man einen Elch am Spieß braten könnte, darüber eine Bedienkonsole, die der meines NMR-Geräts in der Uni kaum nachsteht, Neil Armstrong ist mit weniger Elektronik zum Mond geflogen. Ob diese Anlage mit Strom, Gas oder Plutonium beheizt wird, hat sich mir zwar nicht erschlossen, dafür wüsste ich gerne eines: Wenn jemand es für nötig hält, ein mikroprozessorgesteurtes Kochgerät zu produzieren und zu programmieren, warum baut er dann kein Knöpfchen mit ein, mit dem man von Fahrenheit auf Celsius umstellen kann?
Jedenfalls heizt das Mistding nur einmal hoch, und zwar von unten. Deswegen ist die Gefahr groß, am Schluss rohen Belag auf einem Kohlefladen zu haben. Zum Glück bemerkten wir die Gefahr (soll heißen, den Rauch) rechtzeitig, und das Backerlebnis wurde doch noch von Erfolg gekrönt.
Morgen hab ich wieder Conversation Class, Thema: Die Kunst des Bierbrauens! Bisher habe ich mich eher in der Kunst des Biertrinkens geübt...
Wenn ihr mögt, schaut euch die neuen Bilder an! In den Blog darf ich heute keine hochladen... technischer Fehler.

6 Kommentare:

Basti hat gesagt…

Ich darf dir jetzt mal unverholen sagen, dass du meinen Tag gerettet hast :) Köstlich so ein Artikel am Morgen :D

Anonym hat gesagt…

Ach Felice ich vermiss deine Pizza sooooo - sorry, fällt mir hier in deutschen Landen über meinem Mittagessen sitzend, deinen Artikel lesend gerade wieder ein *g*
Wie witzig!

Tja und was den Worm-Bin betrifft *hüstel* ich erinnere mich an beschwerden deinerseits über ähnliche viecher in euerer küche. da siehste mal wie alternativ eine gewisse person doch in wirklichkeit gedacht hat *g*

Anonym hat gesagt…

worm bin?! da bin ich ja mit meinen paar cucarachas hier doch echt noch gut weggekommen... ;)

Anonym hat gesagt…

Krasse Uni! naja, vielleicht wird das mit dem indoor running track und body building center jetzt in KN auch was, wenn wir Eliteuni sind. ;)

Anonym hat gesagt…

Pizza!
Was für ne gute Idee...Jetzt weiß ich, was ich Sonntag mach.

Anonym hat gesagt…

*vor lachen kugel*!!!! du geiler block, du!!!
grüße aus eugene, anke und diana