"Rafting, ist das die Angelegenheit, bei der man sich in einem kleinen Schlauchboot, das man sehr leicht zum Kentern bringen kann, auf einen Fluss mit ganz wilden Wellen begibt und es einfach mal drauf ankommen lässt, ob man unten ankommt?" - Anja G.
Was ich diesen Samstag getrieben habe, ist mit diesem Zitat einer Freundin eigentlich erschöpfend beschrieben. Doch der Reihe nach:
Es ist Oktober, fast schon November. Also so richtig Herbst. Da sitzt man daheim im Warmen, trinkt Tee und widmet sich hingebungsvoll seinen Studien. In die nasskalte und damit scheußliche Natur würde sich niemand freiwillig wagen. So habe ich auch die Einladung zum Uni-Rafting-Trip mit dem Gedanken "Sowas kannst du immer noch nächstes Jahr machen, wenn's wieder warm ist" ad acta gelegt. Als sich aber mehr und mehr Internationals anmeldeten, wollte ich mir nicht die Blöße geben und erlag dem Gruppenzwang.
So kam es, dass ich diesen Samstag um halb 9 im State Van in Richtung North Santiam River saß, und einem langen Tag mit ungewissem Ausgang entgegenfuhr.
Es wurde großartig.
Warm im Neoprenanzug verpackt, das Paddel fest in der Hand, schipperten wir, immer artig zu sechst auf einem Raft, den North Santiam River hinunter. Unter den Kommandos unseres Guides ("Forward" - "Stop" - "reverse" - "Go Go Go!") versuchten wir, das Gummigefährt durch wildes Rühren mit dem Paddel manövrierbar zu halten - natürlich waren nach einer Viertelstunde die meisten klatschnass, und wer noch zu trocken aussah, bekam eben einen ordentlichen Schwapp mit dem Paddel. An dieser Stelle hätte sich der Erfinder des Neoprens eigentlich eine Lobrede von mir verdient. Sich Ende Oktober im Wasser zu suhlen, nasszuspritzen, dabei auch richtig nass zu werden , aber nicht zu frieren, ist einfach toll.
Wer mich kennt, weiß, dass ich normalerweise in jedes Wasserbehältnis, das mir im Weg steht, hineinfalle, sei es Meer, Uniteich, Fluss oder Kuhtränke. Und ich muss leider gestehen, dass ich diesbezüglich auch meinem Ruf wieder alle Ehre gemacht habe, bei diversen Kollisionen mit Unter- und Überwasserfelsen als einziger ZWEI mal ins Wasser gefallen bin und unrühmlich wieder an Bord gehievt werden musste - die dicke Schwimmweste, eigentlich als Sicherheitsfeature gedacht, schränkt nämlich die Bewegungsfreiheit soweit ein, dass man (zumindest ich) sich nicht mehr aus eigener Kraft über den dicken Gummiwulst, der das rettende Floß begrenzt, hinüberziehen kann.
Dem geneigten Leser wird empfohlen, das Titelbild vergrößert zu betrachten und sein Augenmerk dabei auf den Inhalt des roten Kreises zu richten!
Dass die ganze Tour durch unberührten Urwald führte, teilweise noch in bunten Herbstfarben, dazwischen tiefgrüne Nadelbäume, machte natürlich noch mal einen ganz besonderen Reiz!
Die ganze Sache war einfach von vorn bis hinten eine Riesengaudi, und war das an diesem Samstag verpasste Footballspiel allemal wert!
Überhaupt wird Football überbewertet. Angeblich ist Football der Nationalsport der USA, gefolgt von Basketball und Baseball. Das stimmt nicht. Der Nationalsport Nr. 1 ist Tailgating, wobei diese Disziplin im Grunde allen Sportarten zugeordnet werden kann.
Das übliche Tailgating-Verfahren ist wie folgt: Man fährt in die nähere Umgebung eines Footballstadions. Da parkt man, öffnet die mit Fan-Aufklebern ("Beaver in the car - duck in the trunk") verzierte Heckklappe (engl. tailgate) seines Vehikels und packt den transportablen Grill und den Beavers-Bierkühler aus. Die strengen Alkoholregeln werden am gameday extra gelockert, und somit entfällt die sonst übliche 100$-Strafe für öffentliches Trinken.
So kann man ganz bequem auf dem Beavers-Gartenstuhl sitzen, und sich unter dem mit Cheerleader-Puscheln geschmückten orange-schwarzen Sonnen-(oder Regen-)schirm Bier und Steak schmecken lassen, ohne sich mühsam ins Stadion zwängen zu müssen - das Spiel an sich verfolgt man auf einem tragbaren Fernseher (manchmal).
Diese Einstellung zum Sport ist natürlich gewöhnungsbedürftig - aber irgendwie ehrlich. Mir persönlich sagt sie auf jeden Fall mehr zu als selber einem dummen Ball hinterherzurennen :).
Samstag abend habe ich zum ersten Mal ein Uni-Wohnheim (dorm) von innen gesehen. Ich fand es ziemlich schauderhaft, denn da wohnt man zu zweit in einem etwa 12 qm großen Kämmerlein, wobei das Stockbett in einem Nebenkabuff steht und die Sanitäranlagen sich auf einem Stockwerk befinden. Allerdings hat jeder Bewohner einen begehbaren Kleiderschrank. Ich persönlich finde diese Prioritätensetzung fragwürdig.
Allerdings hatten sich einige Bewohner von Sacket Hall anlässlich des bevorstehenden Halloween zusammengetan und sich alle Mühe gegeben, den Keller der Anstalt in eine Art Geisterbahn zu verwandeln, mit Schlachthof, grusligem Medizinversuchslabor und allerhand schaurigen Monstern, die hinter dafür eigens eingerichteten Ecken lauerten. Sonderlich gruselig war es zwar nicht, aber ich fand die liebevolle Ausgestaltung und die offensichtliche Mühe der Akteure wirklich bewundernswert!
In den kommenden Wochen stehen die midterms an. Diese Schikane zur Mitte des Terms (ha ha, wer hätts gedacht), hat wohl die Aufgabe, die Studenten bei der Stange zu halten - so etwas ist unvereinbar mit der deutschen (und ja, ich stehe dazu, auch meiner!) Vorstellung von Studententum! Zusammen mit den immer wieder abzugebenden Hausaufgaben und Protokollen sammelt sich da ein ganz beträchtliches Pensum an... und dem muss ich mich nun leider etwas widmen.
Ich wünsche allen Lesern meines Blogs eine gute Woche und einen schönen, trockenen Herbst (wenn doch nicht so trocken wie gedacht: Ihr örtliches Sportgeschäft berät Sie gern bei der Auswahl eines passenden Neoprenanzugs).

2 Kommentare:
Ich bin so neidisch!
Bei uns kann man nur Stocherkahn fahren gehen (zu Englisch: "Punting"), was aber auch ne ganz gute Alternative ist, vor allem wenn man massig essen und trinken dabei hat und es nicht zu kalt ist.
Ins Wasser fallen kann man dabei auch. Ich hab's auch schon fast geschafft, aber nur fast. Aber in die Cam sollte man auch nicht fallen, es sei denn, man spekuliert auf Superfähigkeiten durch Mutation...
sind das deine füße??
das mit halloween ist mies, da stellt man sich vor, wie du mit großen augen auf nicht eintrudelnde geschenkchen wartest... noch heute werde ich ein großes paket schnüren!
(nur spaß, aber in gedanken bin ich bei dir!)
tsatsi
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